Korrespondentin uki aus der U-Bahn

Bis auf die Flugverzögerung klappt alles wunderbar – nur die Sänger müssen beim Abendessen schon wieder ans Singen denken. Als der Kantor zur Probe drängt, wird noch ein kleines Geflügelmenü serviert, und der pflichtbewußte Christoph ergibt sich und läßt dem Schicksal seinen kulinarischen Lauf. „Das Essen ist viel besser geworden in den letzten fünf Jahren,“ kommentieren erfahrene Kantoreireisende den Speisemix.

Leicht verspätet begeben sich Sänger und Nichtsänger zur Metrostation, um in der Petri-Kirche den Rossika-Chor zu treffen. Die langen Rolltreppen sorgen für Faszination: Steil und schneller als anderswo bringen sie viel Volk unter den Wölbungen des Röhrendaches in die Tiefe und auf der anderen Seite wieder an die Erdoberfläche. Dabei hat man außerordentlich viel Zeit, fremde Gesichter zu betrachten.

Liebespaare rollen bevorzugt in Gegenüberstellung, das heißt einer von beiden rückwärts, viele Menschen sind sehr einfach gekleidet, manche Damen aber auch fein herausgeputzt, die Gesichter wirken gleichgültig oder selbstbewußt oder müde. Manchmal fahren interessante Bärte vorbei, und der gelegentliche Leser von Romanen russischer Schriftsteller glaubt natürlich, daran die Nachfolger von Puschkin, Gorki oder Dostojewski zu erkennen, während sich anderen der Name Rasputin und das Schreckenswort Revolution aufdrängen.

Vor allem aber wundert sich der fernsehverlotterte Westmensch über diese vielen Bücher – ein Phänomen, das uns täglich begegnen wird. In den U-Bahnwagen und auf den Rolltreppen versenken diese Russen ihre ganze Aufmerksamkeit in teilweise mächtig dicke Wälzer, die sie anscheinend den ganzen Tag mit sich rumschleppen. Natürlich tun das nicht alle, aber man staunt schon über soviel Literaturwut. Ob sie das nur in Petersburg und vielleicht noch in Moskau so machen?

„Back in Enger“ erzählte mir inzwischen Christel Euler (Stadtbüchereileiterin) von den Gewohnheiten der Kinder aus Kasachstan. Die schleppen stapelweise Leihbücher ab, auch um Schulthemen zu bearbeiten, bei denen sich ihre eingeborenen Kollegen lieber sehr kurz fassen. Und dann gibt es da Kinder aus der östlichen Einöde, die sich über das bescheidene Angebot der deutschen Kleinstadtbücherei beklagen: „Aus Kasachstan bin ich mehr Auswahl gewohnt.“

War also nix mit dem Metropolengedanken. In der Provinz mögen sie zwar nicht U-Bahn fahren, aber das Lesen scheint überall des Russen Lust zu sein. Vielleicht sollte ich lieber Russe werden. Ich weiß nicht, ob die die doppelte Staatsbürgerschaft anbieten.

In der ratternden U-Bahn behalten sich die Engeraner hübsch aufmerksam gegenseitig im Auge, da nur ganz wenige wissen, wo man aussteigen muß. Die Namen der Stationen präsentieren sich in der schwierigen östlichen Geheimschrift, die dem Westmenschen das Leben so schwermacht.

Die U-Bahnschächte liegen so tief, erklären uns später Olga und ihr Mann, weil Petersburg auf sumpfigem Gelände errichtet wurde. Manche der Zeitgenossen Zar Peters hielten die Idee für völlig verrückt, an dieser Stelle eine Stadt bauen zu lassen. Für das U-Bahn-Projekt mußte man später weit runter, um festen Untergrund zu erreichen. Erst vor zwei Jahren wurde eine Strecke eine zeitlang stillgelegt, weil sich darin Grundwasser ausbreitete.

Auf dem Rückweg spätabends in der spärlich besetzten U-Bahn gibt es einen Angriff eines mittelalten Mannes auf einen jungen Mann mit Tuch auf dem Kopf (punk-ähnliches Design). Der Junge will eigentlich aussteigen, zögert nach der Attacke noch, ob er vielleicht etwas „zurückgeben“ soll, steigt dann doch aus. Der Angreifer macht ersatzweise zwei Mädchen an, noch mit Abstand. Niemand reagiert. Wir gucken hin. Der Mann guckt, ob wir hingucken, wir gucken vorsichtshalber weiter. Die Mädchen steigen dann mit uns aus. Sie wirkten weniger beunruhigt als wir.

In den nächsten Tagen nutze ich Plakate und Schilder in der U-Bahn und auf den Straßen, um Buchstaben zu studieren. Zwischendurch frage ich gelegentlich den Reiseführer oder ein paar schlauere Mitreisende um Rat. Am vierten Tag kann ich ohne Hilfe kyrillische „Ravioli“ entziffern und bekomme von Eberhard eine Eins. Wenn ich Russe werden will, muß ich mir allerdings ein regelmäßiges Auffrischungstraining angewöhnen, denn für das Vergessen habe ich genauso viel Talent wie für das Lernen.