Kulturelle Visionen

Enger (uki/NW). Der Engeraner Kantor Christoph Ogawa-Müller und seine Frau Kumiko mit dem selben Beruf haben aus ihrer ersten Konzertbegegnung mit St. Petersburg einiges gelernt und daraus Konsequenzen gezogen. Alle Kan-toreimitglieder, die auch schon vor fünf Jahren dabei waren, bestätigten den rundum noch besseren Eindruck der diesjähren Reise. Man hatte ein an-spruchsvolleres Konzert bewältigt und darüberhinaus mehr Einblicke in die großstädtische russische Kultur gewonnen. Dabei ist der Kantor längst mit weiterreichenden Visionen beschäftigt.

Neben der konzentrierten zweijährigen Probenarbeit am schwierigen Paulus-Oratorium, dem Zusammenfügen der dabei erreichten Interpretation mit den Stim-men und Instrumenten der russischen Musiker und den beiden abschließenden Auf-führungen bescherte der Petersburg-Kontakt nicht nur den Engeraner Sängern in der nordrussischen Kulturhochburg ein besonderes Erlebnis. Vor allem Kumiko Ogawa-Müller hatte auch das Rahmenprogramm und die Bedürfnisse der übrigen Mitreisen-den bedacht und die Kontakte zu der Orgelprofessorin Olga Minkina genutzt, die zweisprachig, kenntnisreich und unterhaltsam zwei Tage lang die Engeraner durch St. Petersburg begleitete.

Von ihr erfuhren die deutschen Gäste auch mancherlei Details der derzeitigen wirtschaftlichen und sozialen Situation in Rußland, während in der ehemaligen Hauptstadt am nördlichen Rand des Landes zumindest an der Oberfläche keine Anzeichen für Proteste und Unruhen zu spüren waren. Es sei zu erwarten, so berichtete zum Beispiel Olga Minkina, daß im kommenden Winter auch in St. Petersburg viele alte Menschen an Hunger oder Kälte sterben würden, weil zur Zeit keine Renten gezahlt würden. Die meisten Menschen im Land nähmen aber die derzeitige unsichere Lage hin – aus Angst vor noch schlimmeren Entwicklungen.

Trotz dieser Einblicke in die Vorgänge „unter der Oberfläche“ und einiger Begegnungen mit Bettlern und zum Teil armselig wirkenden „fliegenden Händlern“ oder auch Taschendieben genossen die Ostwestfalen den kulturellen Reichtum der Stadt. Barbara El-Bagdadi aus dem Vorstand der Kantorei hatte  für eine gelungene Reise-Organisation gesorgt und auch unterwegs bei der Bewältigung unerwarteter Ereignisse geholfen, so daß der „Ausflug“ lauter zufriedene Engeraner in den Kleinstadtalltag entließ.

Der Kantor nutzte unterdessen, einmal begleitet vom Hiddenhauser Gemeindedirek-tor Klaus Korfsmeier,  die  Zeit  nach dem  Konzert  für  Zukunftsgespräche – unter  anderem  mit  dem Petersburger Gouverneur. Zwei Visionen treiben Ogawa-Müller zur Zeit an, der in einer Ausweitung seiner internationalen kirchenmusikalischen Projekte eine langfristige Lebensaufgabe sieht.

Ein angestrebtes internationales Bach-Festival in St. Petersburg und Ostwestfalen steckt noch in finanziellen „Kinderschuhen“ und ist bisher nicht gesichert. Einzelne Veranstaltungen zum Bach-Jahr (2000) mit Musik aus der Zeit Bachs in Verbindung mit Tanz soll es aber in beiden Regionen voraussichtlich geben. Eine ostwestfälische Beteiligung an den Feiern zum 300jährigen Bestehen der Stadt St. Petersburg im Jahr 2003 ist dabei eingeplant.

Sein wichtigstes Projekt ist eine internationale Jugendbegnung, die er auch mit Olga Minkinas Hilfe vorbereitet. Schwerpunkte sollen dabei in musikwissenschaftlichen Themen, im Musikschulwesen und in der Kirchenmusik liegen.  In diesem Rahmen will er mit jungen Chorsängern aus der Kantorei und Nachwuchsinstrumentalisten ein Chororchesterwerk einstudieren.
 

Solche Regenröhren zieren überall die Petersburger Hausfassaden. Wir kamen allerdings nicht in den Genuß ihrer praktischen Vorzüge, weil fast immer trockenes und sonniges Herbstwetter mit uns war. Fremdenführerin Irina gab uns aber eine charmante Beschreibung der nützlichen Vorrichtungen bei anderen Wetterlagen:

Das Regenwasser strömt heraus über die Bürgersteige auf die Straßen. Bei Frost verläuft das Fußgängerleben extrem abwechslungsreich, weil die Gehwege nicht ge-streut werden.