Petersburg-Schnipsel
 

Unterwegs mit Olga

Sonderlob für Olga Minkina, die während der ersten beiden Tage nebenbei den Nichtsängern zur Verfügung stand: Sie spricht toll deutsch und scheint einfach alles zu wissen. Dabei ist sie keine Fremdenführerin, wie sie extra betont, sondern „nur“ Musikerin.

Sie führt uns unter anderem zum Alexander Nevskij-Kloster. Daneben liegt ein Friedhof, auf dem etliche berühmte Künstler begraben sind: Schauspieler, Komponisten (Tschaikowski, sprich: Tschikowski, Mussorgski u. a.) und Dichter, wie zum Beispiel Dostojewski. Olga erzählt uns hier ein bißchen aus dem Leben von Tschaikowski und den Eigenarten der Mossorgski-Kompositionen, und wir haben gerade noch 10 Minuten Zeit, in einen orthodoxen Gottesdienst hineinzulauschen.
 

geschäftstüchtig

Am Hoteltisch zeigen sich die Kellner als sehr aktive Händler. Wodka, Sekt, Zigaret-ten, Porzellan und Pelzmützen werden zum Kauf angeboten. Rubeltausch gegen DM erwünscht. Am ersten Abend werden 7,5 Rubel für 1 DM angeboten. Barbara Bag-dadi rät zur Zurückhaltung – anderswo könnte es günstigere Angebote geben. Wir halten uns zurück. Am nächsten Morgen gibt es 8 Rubel für 1 DM. Man muß genau zählen, was sie einem auf den Tisch blättern. Der 8-Rubel-Kurs erweist sich nach Vergleich mit anderen Angeboten als annehmbar.
 

Im Haus des Fürsten Menschikow

Dort mußte man erstmal mit großen Filzpantoffeln ein bißchen skilaufen üben, damit der alte glatte Holzfußboden geschont wurde. Dann gab es allerlei Möbel und Klei-dungsstücke, Modellschiffe, einen handwerklichen Arbeitsraum (den des Zaren Peter I.) und Portraitgemälde zu betrachten. Das ganze Zeug hat einstmals dem Fürsten Menschikow, manches auch seinem Busenfreund Zar Peter gehört.

Auffallend waren vier Räume, deren Wände und Decken blauweiße holländische Fliesen trugen. Nur eine Kaminoberfläche bestand aus russischen Fliesen, weil man hier später das holländische Handwerk nachmachte. Jedes dieser kleinen Objekte trägt ein eigenes Bildmotiv. Die übrige kunsthandwerkliche Ausstattung ist italienisch oder deutsch oder auch britisch – also genauso international wie die Architektur in dieser Stadt. In der Architektur dominieren  die Italiener – viele von ihnen sind in ihrer Heimat unbekannt geblieben, sagt Olga. Schön für Petersburg.

Im Museum hatte Doris tausend Ängste auszustehen, nachdem Tatjana sie als „Russin“ für extrem mäßigen Eintritt reingemogelt hatte – just for fun. Doris fühlte sich ständig von zwei mißtrauischen Frauen beobachtet und von einem Polizisten verfolgt und mimte zu den russichen Erläuterungen Verständnis, während uns im anderen Grüppchen, ein Stückchen entfernt, von Olga geholfen wurde.

Brot und Sekt

Nach dem Konzert führt uns der Rossika-Chor in seinen Probenraum, um uns mit Brot und Sekt zu füttern. Der Raum ist sehr klein für einen ganzen Chor und gehört zu einer Musikschule, die in einem alten Gebäude an einem der vielen Petersburger Kanäle untergebracht ist  (der Fontanka-Kanal war’s, glaube ich). Man fühlt sich dort auf der kleinen Straße mit Allee und Wasser und ausgedehnten Häuserreihen ganz wie in Amsterdam. Drinnen macht der Flur einen gefängnisartigen Eindruck, aber im Gedränge des Probenraums geht es sehr fröhlich zu, so daß sich der Eindruck vom Flur schnell verliert. Doris rät mir: „Geh nicht aufs Klo!“ Also gehe ich hin, aber nur um diesen Ort zu besichtigen. Nun ja, irgendwie scheint man damit leben zu können.
 
 

Das etwas andere Konzert

Eine Busfahrt, die ist lustig, heißt es schon in einem bekannten deutschen Volkslied. Unser Sonderfahrer Valerij fährt uns nach Konzert und Sektparty gut gelaunt zu Ho-tel und bietet auf diesem Wege eine viertelstündige Nachtfahrt durch Petersburg an. Christoph und Kumiko scheinen eher ruhebedürftig, aber die Resonanz auf den hin-teren Rängen läßt den Boss verkünden: „Die Mehrheit will!“

Valerij kreuzt einige Brückenzufahrten an der Newa, die er mit „ejns, zwej, drrrej!“ ankündigt. Bei „drrrej“ kommt die „Abfahrt“ vom Huckel, die von den Passagieren je-desmal mit Jubel und Beifallsstürmen belohnt wird. Nach der Anspannung beim Kon-zert muß man unbedingt albern werden. So freuen sich denn auch alle über Jo, der mit großem Mut zur Initiative spontan nach dem Busmikrofon greift und einen Kanon anstimmt, den ich leider nicht kenne. Dann kennt er noch den Anfang von dem deut-schen Schlager mit der Hölle und dem Sondermüll und sonstigen schönen Quatsch. Valerij kontert laut mit Kalinka und noch einer international-russischen Volksweise, während er uns durch die hübsche Nachtbeleuchtung steuert.
Gerade als Jo sich in seinem Schlagerübermut überhaupt nicht mehr bremsen kann, bremst Valerij vor dem Hotel. Niemals war der Weg so kurz wie heute. Einige der älteren Leute lassen den Abend bei Bier und Wodka ausklingen, um am nächsten Morgen erstmal nichts zu tun.

Preisfrage:
Christoph kommentierte Valerijs Bus-Unterhaltungsprogramm mit den Worten:
„Ein ostwestfälischer Busfahrer würde sowas nicht machen.“
„Doch!“ behauptete ich.
Wer hat recht?

Ein Radfahrer!
Auf der Fahrt in die fast finnische Provinz fährt Valerij uns durch einige Industrierui-nen und ein paar modernisierte Industrieanlagen, dann durch Stadtrandwohnviertel in Massenbauweise, wie wir sie kurz vor unserer Landung von oben gesehen hatten. Umringt sind die Betonburgen von großen Parkanlagen  - flach, eben, rasiert, aber immerhin mit ein paar Bäumen bestanden und von allerlei Wegen durchkreuzt, auf denen sich hier und da ein Fußgänger bewegt. Hier und da gibt es am Straßenrand einen Gemüse- und Flohmarkt. Einmal rammen wir beinahe einen Kleinlaster, der mit Honigmelonen beladen ist. Vielleicht schmeckt Melonenmus gar nicht so schlecht. Größtes Aufsehen erregt ein Radfahrer – eine Rarität in dieser Stadt und der erste, den wir zu sehen bekommen: „Ein Radfahrer!“ „Wo?“ „Da!“

Zwischen Ehrfurcht und Schmunzeln
Am Sonntagabend erwartete uns eine Ballettpremiere im Mariinskij-Theater (be-kanntestes russisches Theater): Tschaikowskis „Schwanensee“. Das hätte ich mir nicht gerade ausgesucht, weil ich viel lieber etwas gesehen hätte, was ich nicht kannte. Aber so war es nun. Immerhin hatte die Welturaufführung von „Schwanen-see“ einstmals auch in diesem Theater stattgefunden, und damit könnte man viel-leicht mal angeben.
Ein wahres Prunktheater empfing uns, und die Obertänzerin war wirklich etwas ganz Besonderes. Und überhaupt waren die Tänzer natürlich Extraklasse, aber das Schwanendrama trieft ja doch aus reichlich vielen Kitschlöchern. Bei der Hüpfeinlage der vier Schwäninnen mußte ich zwanghaft an die gelungen Parodien britischer So-lotänzer denken, die ich mal im Fernsehen gesehen habe.
Ich fand es aber doch schön, daß ich da war.