Gerd Riecken in Petersburg

Beim „Kaffee-Gespräch“ im neuen Jahr kramte Gerd Riecken noch einmal gründlich in seinen gut gespeicherten Eindrücken vom Aufenthalt bei Janna Goukassian. Sie hatte ihn zum Gegenbesuch eingeladen, nachdem sie bei Rieckens zu Gast gewesen war. Bei dieser Gelegenheit lernte der Engeraner vor allem die Wassiliewski-Insel kennen, von der aus man einen reizvollen Blick über die Newa auf die Isaacs-Kathedrale und ihre Umgebung hat.

Jannas Familie sieht sich in einer privilegierten Situation, weil sie über eine Dreizimmerwohnung verfügt, die sie nicht – wie sonst üblich - mit anderen Bewohnern teilen muß. Das zu erreichen, erforderte einiges Geschick und Glück. Janna und ihr Mann Valerij sind viel unterwegs und haben beide unregelmäßige Arbeitszeiten. Sie bezieht ihr Einkommen aus den Konzertreisen mit dem Rossika-Chor und aus verschiedenen Aktivitäten in St. Petersburg, er ist Verwaltungsdirektor in einem großen Theater.

Ihr Kind wird von der Großmutter versorgt, die – jedenfalls theoretisch – eine Rente als frühere Diplomingenieurin bezieht. Der Großvater ist Lehrer und sorgt nebenbei für einen Teil der Lebensmittelbeschaffung, indem er Obst und Gemüse in einem Schrebergarten anbaut. Die Lebenstüchtigkeit und Vitalität dieser Familie und auch ihrer Freunde hat Gerd Riecken stark beeindruckt. Man freut sich über die eigene Gemüseernte, teilt, was man gerade hat, bei spontanen Treffen in engen Räumen miteinander und macht sich keine Sorgen um fehlenden Komfort oder andere Äußerlichkeiten. Das Zusammensein ist wichtiger.

Der Gast aus Deutschland fühlte sich von allen wie ein alter Freund behandelt und mit viel Wärme und Herzlichkeit aufgenommen. Nur die Verständigung war nicht immer einfach. Man sprach Englisch mit sehr unterschiedlichen Kenntnissen. Die kleinen Feste dauerten bis tief in die Nacht und waren anstrengend, aber auch sehr schön und interessant, erzählt Gerd Riecken. „Wenn ich schon mal da bin, und das für so wenige Tage, dann muß ich auch durchhalten,“ lautete deshalb das Motto des Besuchers.

Die Gastgeber oder ihre Freunde zeigten ihm auch möglichst viel von der Stadt und ihrem Stadtviertel. So standen zum Beispiel eine abendliche Kirchenrundfahrt, ein orthodoxer Gottesdienst, eine „Nachtwache“ beim Hochklappen der Newa-Brücke und einige Streifzüge durchs Wohnviertel der Goukassians auf dem Privatprogramm. Dort umfingen den Besucher krasse Kontraste zwischen arm und reich, Glanz und Elend. In Hinterhöfen und auf Basaren empfand er die Atmosphäre manchmal als etwas unheimlich und bedrohlich und hätte sich da nicht gern ohne ortskundige Begleiter aufgehalten.

Wenn seine Gastgeber ihren beruflichen Verpflichtungen nachgingen, war er zeitweise mit Slava (Freund der Familie) unterwegs. Er wohnt mit seiner Frau zweieinhalbtausend (!) Kilometer von Petersburg entfernt – in Samara. Trotzdem ist die Frau Sängerin im Rossika-Chor und scheut die weiten Reisen zu den Proben nicht – ein Zeichen dafür, daß sich der Aufwand sogar finanziell lohnt. Slava hat in seiner Heimatstadt ein kleines Forschungsbüro für Umweltfragen - „in Rußland eigentlich ein Witz“. Er führt zum Beispiel, manchmal in staatlichem Auftrag, Emissionsmessungen durch. Geld für erforderliche Konsequenzen aus den Meßwerten, zum Beispiel für Filteranlagen, gibt es allerdings nicht.

Die Gespräche mit Slava machten Gerd Riecken deutlich, wie sehr die industrielle Produktion in der Sowjetunion der Rüstung und der Raumfahrt gewidmet war (80% der Gesamtproduktion) und wie schwierig es jetzt für Rußland ist, bei der Umstellung auf mehr Konsumindustrie international konkurrenzfähig zu werden. „Keine Antwort auf Zukunftsfragen“ lautete deshalb das gemeinsame Fazit.

Zusammengefaßte Eindrücke: auffallend große Liebe der Petersburger zu ihrer Stadt, äußerst beglückender Besuch, extrem duldsames Volk, mehr Lebensqualität nur erreichbar durch „jemanden, der einen kennt, der einen kennt...“.

Eine Frage beschäftigte den Gast immer wieder: Warum lassen sich die Menschen so viele kleine Ungerechtigkeiten durch Polizei und andere Behörden gefallen? Warum protestieren sie nicht? Aus den oft von Achselzucken oder Gelächter begleiteten Kommentaren seiner Gesprächspartner lernte er schnell die Antwort: Sinnlos! Die seien alle korrupt, und Proteste zögen nur weitere Unannehmlichkeiten nach sich.

„Darum tun sich russische oder kasachstanische Aussiedler bei uns so schwer im Umgang mit den Behörden,“ ergänzt Rieckens Frau Ann, die in Enger Aussiedlerfamilien betreut. „Wenn man den Hintergrund kennt, kann man diese Menschen ein wenig besser verstehen.“