,,Wie kommt man in Enger nach St. Petersburg?"

Diese Frage wurde im Vorwort zum Bericht der ersten Reise der Kantorei vom 9.-14. Oktober 1993 nach St. Petersburg eingehend erörtert. Die Ausführungen schlossen mit dem verheißungsvollen Hinweis ,,eine Einladung zu einer weiteren Konzertreise liegt bereits vor ..." Fünf Jahre hat es gedauert, bis diese Einladung realisiert wurde. Lange Zeit war verstrichen, die aber im Hinblick auf die gegenseitigen Kontakte und eine angesteuerte Zusammenarbeit zwischen dem Chor Rossika und der Kantorei Enger nicht vertan war.

Das musikalische Ziel der zweiten Konzertreise war weit gesteckt: Die gemeinsame Aufführung des monumentalen Oratoriums ,,Paulus" von Felix Mendelssohn-Bartholdy in der evangelisch-lutherischen St. Petri-Kirche mit Chor, Orchester und Solisten aus St. Petersburg und der hiesigen Kantorei. Der Spannungsbogen zwischen dem brillanten und ganz der russischen Gesangstradition verhafteten Kammerchor und der lutherischen Kantorei, in der Laien sich zur Pflege der vornehm-lich deutschen Kirchenmusiktradition zusammenfinden, kann kaum größer sein.

Da das Anliegen zur Zusammenarbeit, zum gemeinsamen Eindringen in Werke der westeuropäischen Kirchenmusik, von der russischen Seite kam, war es an uns, der faszinierenden und zugleich aufreibenden Herausforderung zu entsprechen.

Etliche Probenbesuche in St. Petersburg meinerseits und die Erarbeitung zweier ge-meinsamer Konzertprogramme, die in der Stiftskirche Enger zur Aufführung kamen, waren dem Paulus-Projekt vorangegangen.

Das erste Konzert mit Motetten von - Schütz, Bach und Mendelssohn-Bartholdy - wurde von den Hörern als erstaunliches Zeugnis gemeinsam gewonnener musikali-scher Substanz gewertet - die über die stilistische Verschiedenheit hinwegtrug.

In einem weiteren Konzertprojekt, der Aufführung des Requiems von W.A.Mozart, konnte eine klangliche Dimension erreicht werden, die in ihrer Fülle fast die räumli-chen Gegebenheiten überschritt. Dabei verschmolzen die unterschiedlichen musika-lischen Komponenten zu einer eindrücklichen Einheit.

Auf die Darstellung des Paulus-Werkes in St. Petersburg gehen die noch folgenden Ausführungen ein. Ein konkretes Projekt für eine weitere Reise der Kantorei liegt derzeit nicht vor. Klar für die, die dabei waren, dürfte der Eindruck einer noch längst nicht erschöpften Anziehung dieser Stadt in musikalischer und vielfältig kultureller Hinsicht sein. Im Jahr 2000 werden in Enger zahlreiche musikalische Gäste aus St. Petersburg erwartet ...

Christoph Ogawa-Müller