Engeraner Kantorei sang zusammen mit Rossika-Chor in St. Petersburg

Ein Konzert in Rußland mit Hindernissen

Enger/St.Petersburg (uki/NW). Vom kleinen Enger in die große weite Welt: Am vergangenen Freitag flogen knapp 50 Kleinstädter in die russische Kulturmetropole St. Petersburg. Für die Mitglieder der Kantorei stand die zweite Aufführung des Paulus-Oratoriums von Felix Mendelssohn-Bartholdy im Mittelpunkt der Reise. Die Premiere hatte eine Woche vorher in der Stiftskirche stattgefunden (die NW berichtete). Gemeinsam mit dem Petersburger Rossika-Chor und dem erweiterten Kammerorchester „The Soloists of St. Petersburg“ der St. Petersburger Philharmonie stellten Kantor Ogawa-Müller und seine Sänger das Werk diesmal dem russischen Publikum vor.

Schon vor fünf Jahren hatte es eine solche Begegnung gegeben, damals mit einem Programm aus verschiedenen Bestandteilen, so daß einige Teilnehmer unterschiedliche Eindrücke sammeln konnten.

Wer diesmal die preisgünstigere russische Pulkovo-Variante (Fluglinie) bevorzugte, kam erst mit fünfstündiger Verspätung am Zielort an. Wenn auch die Wartezeit mit großer Gelassenheit und abwechslungsreichen Witzeleien überbrückt worden war, so fehlte doch den Sängern aus dieser Gruppe das Ruhepäuschen vor der abendlichen Probe. Trotzdem verlief an diesem Abend noch alles einigermaßen nach Plan.

Probleme gab es erst kurz vor dem „Ernstfall“ am Samstagabend. Um 19 Uhr sollte das Konzert beginnen.

Streicher kamen zu spät zur Probe

Davor war Generalprobe, zu der die Streicher eine halbe Stunde später kamen und die Mitglieder des Rossika-Chores gar nicht. Die russischen Musiker hatten an diesem Wochenende noch einige weitere Proben oder Konzerte zu bewältigen – dem Chor stand schon am Montag der Start zu einer Konzertreise nach England bevor.

Bei der Generalprobe mit reduzierter Besetzung ging dann prompt alles schief, was schiefgehen konnte, und die Stimmung unter den deutschen Sängern war im Keller. „Beschissen!“ kommentierte die Jugend die Lage. „Das geht bestimmt in die Hose,“ fürchteten die älteren Chormitglieder.

Um 19 Uhr waren dann doch alle da, so daß das Konzert etwas verspätet begann, und Christoph Ogawa-Müller mußte alle seine Dirigenten-Kräfte aufbieten, um ohne vollständige Probe alle Elemente des komplizierten dreistündigen Oratoriums zusammenzufügen.

Das gelang dann allerdings sehr gut, was unter anderem der vorausgegangenen Aufführung in Enger zu verdanken war. Die Kantoreistimmen hatten an Sicherheit gewonnen, das Orchester reagierte nach der Probe sensibler auf den Dirigenten, und die kraftvollen Stimmen des Rossika-Chores fügten sich auch harmonischer mit denen der Kantorei zusammen, wovon besonders die leiseren, zarten Passagen des Oratotiums profitierten.

Die drei Solisten Rosemary Melville-Hansen, Valentin Mironov und Jan Michael Gallagher bewährten sich, wie schon in Enger, als sichere, ausdrucksstarke Gestalter der religiösen Wandlung des Paulus zum Verkünder von Gottes Wort. Neben der zweiten Sopranistin Marina Tchernoussova durfte diesmal auch Tatjana Fuchs – vor vier Jahren aus Kasachstan eingewanderte Engeranerin – einen kurzen Solopart übernehmen und sich so erstmals als Solistin bewähren.

Die konsequente inhaltliche Arbeit des Engeraner Kantors an diesem anspruchsvollen Werk mit zwei Jahre andauernden Proben hat sich offensichtlich ausgezahlt. So bescheinigte zum Beispiel die Orgelprofessorin Tatjana Tschoussova von der tradionsreichen St. Petersburger Musikhochschule der Aufführung eine "hohe musikalische, religiöse und philosophische Qualität",“und auch der Leiter des Goethe-Instituts, Karl-Heinz Thalman, hob die bedeutsame Interpretation des ´Werkes hervor.

Tribünenränge erinnern an altes Schwimmbad

Das nicht allzu große Publikum lauschte zum Teil mit sichtbarer Hingabe der musikalischen Darbietung. Dabei gab es im Vergleich zur Engeraner Aufführung ein differenzierteres Klangbild, das zum Teil auf die Akustik in der Petersburger Peter- und Paulskirche zurückzuführen war.

Der Raum ist einfacher konstruiert als die Stiftskirche, so daß sich die Töne nicht so verzweigen und auch eine so große Besetzung nicht zu einem groberen Zusammenklang „verschwimmt“.

Passendes Stichwort: Vor fünf Jahren sangen die Engeraner noch zwischen Sprungturm und Startblöcken und oberhalb eines leeren Schwimmbeckens am selben Ort, da die Kirche jahrelang als Schwimmbad gedient hatte. Inzwischen ist oberhalb des Beckens eine Zwischendecke als Boden eingebaut, und an das Schwimmbad erinnern nur noch die Tribünenränge.

Das trübe Stimmungsbild in den Reihen der Kantorei hatte sich schließlich auch nach der großen Gesamtleistung extrem gewandelt. Man folgte dem Rossika-Chor zu einem kleinen Sektumtrunk und beendete den Abend mit einer fröhlichen Busfahrt zum Hotel, zu der Busfahrer Valerij mit einer kurzen Nachtrundfahrt durch die stimmungsvollen, von viel Wasser umgebenen Petersburger Straßen und einer folkloristischen Einlage („Kalinka“ durchs Busmikrofon) einen hübschen Teil beitrug.