Korrespondentin uki aus der Hotelbar

Ich mache Pause mit Papier, denn ich muß unbedingt meinen vollgestopften Kopf ausleeren, bevor es wieder neues Sightseeing-Futter gibt. Die Hotelbar serviert Bitter
Lemon aus der Dose.

Die Flure des Empfangsstockwerks werden in diesem Hotel von einer Dohle bewohnt. Das Flugobjekt landet gerade auf einer Souvenirvitrine am Eingang meiner Schreibbar. Wenig später nimmt es Kurs auf die offenstehende Tür der Bar. Ich war nie gut in Ornithologie, aber dies ist eine Dohle, so wahr ich hier sitze.

Sie spaziert in die Bar und nimmt erst Anlauf und dann Platz auf dem ersten Tisch, welcher meiner ist. „Was willst du denn?“ frage ich, weil ich weiß, daß Dohlen sprechen können. Sie sagt aber nichts, sondern betrachtet mein Bitter Lemon-Glas mit dem lustigen Strohhalm. „Das gehört mir!“ sage ich und nehme das Glas an mich – für den Fall, daß sozialistisch geprägte Dohlen die Sache mit dem Privateigentum noch nicht verstanden haben. Dann fällt mir ein, daß der Flieger bestimmt nur russisch versteht. Ich schenke dem Gast die Dose.

Die wird ein wenig auf dem Tisch hin und her gerollt, bis sie auf den Boden fällt. Die Dohle folgt ihr etwas kontrollierter und zerrt an dem – an der – wie heißt jetzt sowas auf deutsch? – Dosenaufreißer? – nennen wir es Lasche. Mit Hilfe der Lasche also läßt sich nun eine vortreffliche Tanzchoreografie für eine Dohle und eine Dose entwickeln. Zwei neue Bargäste genießen auch gleich die Performance, während man am Tisch schräg gegenüber kaum überrascht scheint.

Ein Radio schickt lustige russische Lieder durch die Bar, zu denen man Publikum lachen hört. Perfekte Abstimmung! Die haben hier offensichtlich bei „Alf“ spioniert. Der Tanz treibt im Hüpfschritt auf die Tür zur Halle zu und die drei Stufen hinunter. Wären es doch vier Dohlen in einer Reihe! Dann könnte ich mich wenige Tage später beim Schwanensee-Ballett mit der Frage beschäftigen, wer wen parodiert.

Das Radio im Hintergrund verblüfft mich mit dem alten fetzigen Beatles-Sound „Back in the USSR“. Aber dann fällt mir ein, daß der Russe ja für Humor bekannt ist, das wußten sogar meine Eltern in der Nachkriegszeit, und der Vogel wundert sich auch gar nicht.

Unterhalb der Treppe verliert der blecherne Tanzpartner plötzlich an Attraktivität, und der schwarzgraue Solist wählt wieder die Flugbahn zur Souveniervitrine. Dort folgt das Tier einer ruhig-freundlichen Aufforderung der Souvenirdame zum Weiterflug – man kennt sich -, und ab geht’s in kühnem Schwung um die Ecke in den nächsten Flur.