Finnische Gemeinde

Enger/St.Petersburg (uki/NW). Nach der deutsch-russischen Aufführung des Paulus-Oratoriums in St. Petersburg gab es für die Sänger der Engeraner Kan-torei und ihre Reisebegleiter noch ein kleines Kulturprogramm, für das sie nicht mehr selbst arbeiten mußten. Orgelprofessorin Olga Minkina hatte die Besucher aus der ostwestfälischen Provinz zu einem ungewöhnlichen Erlebnis in der nordrussischen Provinz eingeladen. Die Westfalen wurden dort am Sonntagnachmittag von einigen ganz jungen Musikern erwartet und bekamen viel zu sehen und zu hören.

Die etwa einstündige Busfahrt führte durch bis  dahin unbekanntes Gelände ein gutes Stück auf die finnische Grenze zu. Hier und da waren einige modernisierte Industrieanlagen zu sehen, manchmal auch Fabrikruinen, denen sich weitläufige Vorstadtwohnviertel anschlossen. Der Kontrast zum Gold- und Marmorglanz des hinreißenden Großstadtzentrums war deutlich. Zwischen den riesigen grauen Wohnhäusern bestimmten großflächige, ein bißchen öde, aber gepflegte Parkanlagen und kleine Gemüse- und Flohmärkte das Stadtrandbild.

Darauf folgte ein Stück Brachland, bevor immer mehr Ansammlungen kleiner Holzhäuser zwischen Birken und Kiefernwäldern die Aufmerksamkeit der Besucher auf sich zogen. Hübsch und bunt, mit überdachten kleinen Treppen, Erkern, verwinkelten Dächern, manchmal von sandigen Dorfsträßchen durchzogen, erinnerten sie an Zeitschriftenfotos vom russischen Landleben, aber auch an die vielfarbigen skandinavischen Klischeehäuschen der „Kinder von Bullerbü“.
 
 

Vor einer Kirche in einem Ort namens Toksovo stieg die Reisegesellschaft aus dem Bus. In diesem Ort wohnt Olga Minkina, die Kantor Christoph Ogawa-Müller seit sechs Jahren kennt. Um die Kirche herum strahlten einige der charakterischen Holzhäuschen zwischen zartbuntem Herbstlaub in der Sonne und verbreiteten eine romantische Einstimmung auf die Ereignisse in der Kirche und im kleinen Gemeinde-haus.

Finnische Auswanderer, einige deutschstämmige Familien und Russen gestalten hier gemeinsam ihr evangelisch-lutherisches Gemeindeleben. Die Gäste erlebten einen Gottesdienst in unverständlicher Sprache, begleitet von verständlichen Bildern mit biblischen Szenen aus einem Projektor. Zweisprachig begrüßte Olga Minkina anschließend die Engeraner Gäste und wies darauf hin, daß die sehr frisch gestrichen wirkende Kirche noch vor wenigen Jahren eine Ruine gewesen und nun in gutem Zustand für alle da sei: Russen, Finnen und Deutsche. Genauso sei die Welt für alle da, und „wir alle haben nur eine Musik“.

Sie stellte drei ihrer Orgelschüler vor, im Alter von 14 bis 16 Jahren, und einen 10jährigen Sänger mit einer glasklaren, hellen Stimme, der das berühmte „Ave Ma-ria“ vortrug. Die jungen Orgelvirtuosen, zum Teil Preisträger internationaler Orgel-wettbewerbe, gaben Kostproben ihres Könnens, bevor die Kirchenbesucher ins an-grenzende Gemeindehaus umzogen, um dort den Klaviervorträgen einiger Schüler von Vladek Peisahov (Pianist und Ehemann von Olga Minkina) zu lauschen. Auch in der Widukindstadt waren sie schon zu hören, was dort aber nur von sehr wenigen Engeranern bemerkt worden war.

Bekanntlich wird das Gute viel besser in der Ferne wahrgenommen, und so waren auch hier die fremden Gäste begeistert von der Fingerfertigkeit, dem Ausdrucksvermögen und der beeindruckenden Sicherheit dieses Orgel- und Klavier-nachwuchses. Der Fachmann Peisahov wird es vermutlich wissen, aber der Laie fragte sich, was diese Jugendlichen denn wohl in ihrem weiteren musikalischen Le-ben noch lernen sollten.

Der viel zu kurze internationale Nachmittag klang im Gespräch bei Tee und Gebäck aus, und der Bus trug die still gewordenen Gäste wieder zurück in die lautere Metro-pole. Vergessen wird diesen Besuch wohl niemand.