Wie 50 Engeraner auszogen, das Venedig des Nordens zu erkunden.
von Lea Lohmeyer und Sonja Krain
 

Eine 5-tägige Konzertreise der besonderen Art erlebte am Anfang des Monats eine 50-köpfige Reisegruppe, die aus den Kantorei Mitgliedern der Stiftskirche Enger und ihren Angehörigen bzw. Interessierten bestand.

Nachdem die Kantorei Enger am 26.9.98 zusammen mit dem Rossika Chor der Petersburger Philharmonie, in der Engerschen Stiftskirche, das Paulus-Oratorium von F. Mendelssohn Bartholdy aufgeführt hatte. Folgte der Gegenbesuch der Kantorei ins ferne St. Petersburg in Rußland. Nach getaner Arbeit konnte man sich ruhigen Gewissen der Kultur und dem Spaß widmen.

Sehr vielversprechend begann die Reise allerdings nicht. Die Kantorei hatte sich in zwei Lager mit unterschiedlichen Flugverbindungen gespalten. Einige schworen auf Lufthansa, die meisten vertrauten sich der russischen AEROFLOT Tochter Pulchovo an. Die Flugzeuge sollten früh am Morgen starten. Selbst passionierten Langschläfer hatten sich in der Nacht vom Wecker aus den Betten reißen lassen und wahren schlaftrunken mit dem Chorbus zum Hannoverschen Flughafen gewandelt. Dort wartete allerdings eine unangenehme Überraschung auf die Bevorzuger der Pulchovo - Variante. Der Flug war um fünf Stunden verschoben worden. Jetzt hieß es warten und sich die Zeit so gut wie möglich vertreiben.

Bei der Ankunft in St. Petersburg präsentierte sich die 5-Millonen-Metropole den Neuankömmlingen, obwohl ein wenig kälter als Zuhause erstaunlich sonnig. Das gute Wetter blieb der Reisegruppe während des ganzen Aufenthaltes treu. Am Abend fand dann zusammen mit dem Rossika Chor die erste Probe des Paulus Oratoriums in der Petri-Kirche statt. Besonders aufregend gestaltete sich die erste Metrofahrt vom Hotel zur Kirche. Mit scheinbar endlos langen Rolltreppen fuhr man in eine enorme Tiefe, in der man die unsichtbaren, durch die Unterwelt der Stadt pulsierenden Lebensadern entdeckte. Staunend blickte man auf die anderen Rolltreppenbenutzer, wie sie leichtfüßig die steilen Stufen hinuntereilten, oder sich seelenruhig in einem Buch lesend auf einer Stufe plazierten, als ginge sie die Realität nichts mehr an.

Goldene Kuppeln, große Paläste und weitläufige Wasserstraßen - so präsentierte sich die ehemalige Zarenhauptstadt den Touristen. Bei der 1703 von Peter dem Große4 an der Newa gegründeten Stadt, hatte man sich auf Wunsch des Zaren beim Erbauen an dem niederländischen Vorbild Amsterdam mit seinen zahlreichen Brücken orientiert. Mehr als 300 Brücken wurden über die Newa und ihre Nebenflüsse gezogen. Nicht umsonst also trägt das ehemalige Leningrad den Beinamen ,,Venedig des Nordens". Im krassen Gegensatz zu dem reichen Erscheinungsbild der Stadt, das von goldenen Palästen, Schlössern und Museen geprägt ist, steht die bittere Armut der Bevölkerung. Bettelnde Kinder sind in dieser Stadt keine Seltenheit.

Den Höhepunkt der Reise bildete die Aufführung des Paulus-Oratoriums .von Mendelssohn. Eine Art Premiere, denn zum ersten Mal in der Musikgeschichte St.Petersburgs wurde dieses drei stündige Oratorium vollständig zu Gehör gebracht. Lange Zeit war die 100-jährige Bachtradition westlicher Kirchenmusik vom Sozialismus verdrängt worden. Erst seit kurzem besteht bei den Russen wieder ein wachsendes Interesse an der Auseinandersetzung mit dieser Musik. Vor fünf Jahren hatte der bekannte Engeraner Chor schon einmal eine Konzertreise in die Millionenstadt unternommen. Damals fand das Konzert noch vor der Kulisse eines Schwimmbeckens, Sprungturms und Zuschauertribünen statt. Heute ist die evangelische Gemeinde froh über die fast vollständige Renovierung der Kirche. Nur die Tribünen erinnern noch an vergangene Zeiten.

Die Intention der diesjährigen Konzertreise war wieder die Begegnung zwischen der Kantorei und dem Rossika Chor. Trotz der großen Unter schiede zwischen dem westlichen und dem östlichem Chor entwickelte sich die musikalische Zusammenarbeit merklich. Im Laufe der Jahre" beschreibt Christoph Ogawa-Müller, der die Leitung des Werkes übernahm, die positiven Ergebnisse der Kooperation hat sich bei musikalisch unterschiedlich gebildeten Hörern in St- Petersburg als auch in Enger der Eindruck vertieft, dass die Zusammenarbeit zwischen dem Laienchor der Kantorei und dem Profichor der St. Petersburger Philharmonie sich auch in Verbindung mit dem Orchester als sehr fruchtbar erwiesen hat."

Für die Zukunft sind Gespräche über ein Jugendprojekt, eine Begegnung in St. Petersburg anläßlich des 250. Todestages Bachs im Jahre 2000, im Gange. Die Musikfreizeit wird dann alle musikalisch Tätigen aus dem Umkreis mit einbeziehen: Jugendliche aus der Musikschule, der Kirchenmusik, der Engeraner Big Band und den jungen Symphonikern.

Das umfangreiche Besichtigungsprogramm erstreckte sich von Stadtrundfahrten über Tagesausflüge bis hin zum Besuch einer finnisch-russischen Gemeinde. Im Anschluß an einen Gottesdienst stellten die 10 bis 16 Jahre jungen Nachwuchstalente der Organistin Olga Minkina bei einem Konzert ihr erstaunliches Können sowohl auf der Orgel als auch auf dem Klavier unter Beweis.

Ein Tagesausflug führte die Kantoreimitglieder zum Katharinenpalast in Puschkin, der im 2. Weltkrieg von deutschen Truppen fast vollständig zerstört wurde. Seit damals ist man dabei, das Gebäude zu restaurieren.

Bei der Stadtrundfahrt beeindruckten Gebäude wie die farbenreiche Blutskirche oder die Peter und Paul-Kathedrale, die als Grabstätte der Zarenfamilie dient. Typisch für alle Russisch-Orthodoxen Kirchen sind die fehlenden Sitzbänke, entweder steht oder kniet man.

Ein weiteres Highlight war der Besuch des Mariinski Theaters in dem sich ein Teil der Gruppe am Sonntagabend das Ballett Schwanensee ansah. Faszinierend war bereits die gut erhaltene, prachtvolle Ausstattung von 1859 und der aus verschiedenen Stoffen kunstvoll zusammengesetzte Bühnenvorhang. Doch die hervorragende Leistung der besten Ballettänzer Rußlands stellten selbst dieses in den Hintergrund. Unumgänglich war natürlich auch die Besichtigung des Winterpalais und der Eremitage. Diese ist eine der größten und bedeutendsten Kunstsammlungen der Welt. Sie besteht aus fast 3 Millionen Kunstobjekten. Sie ist mit ihren insgesammt1720 Räumen auf einer Fläche von 100 000 Quadratmetern so groß das man allein um die 360 Ausstellungsräume zu besichtigen mehrere Tage benötigen würde.

Als die Kantorei in einem Souvenierladen eine Pause von dem Besichtigungsstreß einlegte, blieb prompt der antike Aufzug des Gebäudes stecken. Fast eines Stunde dauerte es, die drei Chormitglieder aus ihrem unfreiwilligen Gefängnis wieder zu befreien. Sie nahmen es mit Humor. Überhaupt hat die Reise sehr zum Gemeinschaftsgefühl der Gruppe beigetragen. Die Chormitglieder hatten sehr viel Spaß miteinander und lernten sich durch die vielen gemeinsamen Aktivitäten wie zum Beispiel das fröhliche Zusammensitzen an der Bar am Abend besser kennen.

Beim Rückflug gen Heimat genoß man noch ein letztes Mal die wärmenden Sonnenstrahlen über Rußland, bevor das Flugzeug in die dicht über Deutschland hängenden Schlechtwetterwolken eintauchte. Auf der Rückfahrt mit dem Chorbus von Hannover ins heimatliche Enger waren sich trotz der Allgemeinen Müdigkeit alle einig,  dass die Reise sehr viel Spaß gemacht hat.